EZB erhöht Leitzins vorerst nur um 0,25 Prozentpunkte
Wie erwartet hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen gestern um 0,25 Prozentpunkte auf nunmehr 4,25% angehoben. Da einige Marktteilnehmer im Vorfeld angesichts der zuletzt auf 4,0% angestiegenen Inflationsrate auch eine Anhebung von 0,50 Prozentpunkten für möglich gehalten hatten, waren die Kapitalmarktzinsen in den vergangenen Tagen hochgelaufen. Dass der Zinsmarkt gestern Nachmittag vorerst mit einer Entspannung reagiert hat, ist daher nicht überraschend. Dazu haben die Ausführungen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet beigetragen, der vorerst keine weiteren Zinserhöhungen in Aussicht gestellt hat. Fakt ist: Inflationsraten von 4,0% sind für die EZB auf Dauer nicht akzeptabel, weil sie zwangsläufig zu Zweitrundeneffekten führen werden und somit die Gefahr einer Spirale nach oben besteht. Die EZB steht damit vor der delikaten Aufgabe, den Grad und die Geschwindigkeit der Konjunkturabschwächung in Euroland mit der akuten Inflationsgefahr ausbalancieren zu müssen.
Erhöht sie zu rasch und zu stark, wird sie sich den Zorn der EU-Politiker zuziehen. Bleibt sie zu passiv und die Inflation steigt weiter, riskiert sie ihren Ruf und wird von denselben Politikern am Ende für die langfristigen Folgen hoher Inflation, die ebenfalls in den Abschwung führen, verantwortlich gemacht. Wir gehen fest davon aus, dass die EZB die Preisstabilität über alle eventuellen politischen Überlegungen stellen wird und bei einem weiteren Inflationsanstieg beherzt mit Zinsanhebungen reagiert. Wir erwarten deshalb für das 2. Halbjahr weiteren Aufwärtsdruck bei den langfristigen Kapitalmarktzinsen, da derzeit die Risikoprämie für dieses Szenario zu gering angesetzt ist.
Wir empfehlen Baufinanzierungskunden daher weiterhin, nicht auf fallende Zinsen zu spekulieren. Eventuelle Tagesschwankungen nach unten sollten konsequent zur Absicherung genutzt werden. Gerade über lange Laufzeiten können die Vorteile einer derzeit sogar inversen Zinskurve genutzt werden. Besonders für Anschlussfinanzierer ergeben sich durch den Wegfall der Aufschläge für Forward-Darlehen bei vielen großen Anbietern ausgezeichnete Möglichkeiten, jetzt schon zum Nulltarif die ablaufenden Zinsbindungen der nächsten fünf Jahre abzusichern. Wenn man bedenkt, dass die Inflationsrate bei 4,0% liegt und Banken derzeit bis zu 5,00% auf Kundeneinlagen anbieten, wird deutlich, dass Baugeld zu ähnlichen Zinssätzen mit langen Laufzeiten immer noch attraktiv ist.
Mieter müssen vor dem Hintergrund höherer Inflationsraten und stark gestiegener Neubaukosten in den kommenden Jahren mit Mietpreissteigerungen rechnen und sollten sich nicht von der stabilen Entwicklung der vergangenen zehn Jahre blenden lassen. Diese waren historisch gesehen höchst untypisch und das Resultat eines Überangebotes aus den frühen 90er Jahren und historisch niedriger Inflationsraten. Der Inflationstrend hat aber gedreht. Kombiniert mit den günstigen Finanzierungschancen bieten sich somit sehr gute Einstiegsgelegenheiten am Wohnimmobilienmarkt. Darüber sollte jeder Mieter intensiv nachdenken.
Tendenz
kurzfristig: seitwärts
mittelfristig: aufwärts
von Robert Haselsteiner

